
Amtsschimmel
Schuldig! Schuldig! Dröhnt es in seinem Kopf. Schuldig soll ich sein, weil ich durch die Nacht gerast bin mit zu hohem Tempo. Strafbefehl und Führerscheinentzug! Aber was hätte ich den machen sollen? 112 rufen und wertvolle Zeit verlieren? Sie hat doch so geblutet und vor schierer Angst geschrien. Eher hätte sie mich umgebracht, wenn ich nicht gefahren wäre. Schließlich ging es um unser Baby. Ich konnte doch wohl nicht riskieren, dass es im Mutterleib stirbt. Wenn es nur Fruchtwasser gewesen wäre, das abgegangen wäre, ja, dann hätten wir noch Zeit genug gehabt. Aber bei der starken Blutung mussten wir doch das Schlimmste befürchten! Wieso kapieren die das in der Behörde denn nicht?! Es ging um Leben und Tod! Und bei aller Panik, in der wir waren, es war doch Nacht, die Straßen waren wie leergefegt. Da war doch niemand, den wir hätten gefährden können! Außerdem hatte ich die Warnblinkanlage angeschaltet und ständig gehupt, um eventuelle Passanten oder andere Autofahrer zu warnen! Verdammt, wir waren doch in Not, und da ist es doch wohl gerechtfertigt, wenn man einfach seinem Instinkt folgt, gerade in einer solch brenzlichen Situation. Es ging um das Leben unseres ungeborenen Kindes und auch um das Leben meiner Frau! Wie lange schon hatten wir uns auf ein Kind gefreut! Sollte ich einfach zusehen, wie beide dahingerafft würden? Nein, nein, nein. Man kann doch nicht nur streng nach Vorschrift alles bewerten. Man muss es doch ins rechte Licht rücken und die Umstände berücksichtigen. Oder?
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Amtsschimmel – Joseph Michael Neustifter
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