ABC-Etüden 09/2025 – An der Kette


Schritt zurück in die Vergangenheit? Oder doch nicht??

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An der Kette

„Schau mal, Walter, wie die Pailletten schillern, wenn man das Hütchen im Lichte dreht! Da kommt man sich doch wie eine Prinzessin vor! Und wie gut könnte ich diesen Gala-Look mit anderen Sachen kombinieren! Lässig und verspielt würde das aussehen und mir eine unverwechselbare Note geben. Ich glaube, das wäre genau das Richtige, wenn wir am Wochenende zu Hohenadels gehen. Es ist ja so wichtig, dass wir dort den allerbesten Eindruck hinterlassen in dieser illustren Runde!“

„Bist du aber nicht, Sybille, keine Prinzessin, nur eine kleine Hausfrau, die ich aus dem Dreck gezogen habe, weil du mir diesen Balg angedreht hast. Kauf, was du willst, blamier dich damit, so gut wie du es kannst. Dann wissen alle genau, wes Geistes Kind du bist und nicht einmal davor zurückschreckst, mir auch den letzten Funken Hoffnung auf einen Karrieresprung zu nehmen! Mein Gott, hätte ich doch nur auf meine Mutter gehört! Die hat dich gleich von Anfang an durchschaut.“

„Aber Walter! Was unterstellst du mir denn da! Ich rackere mich ab im Haushalt, bewirte unsere, d.h. deine Gäste immer aufs Beste, drücke seit langem beide Augen zu, wenn du dich als Galan aufspielst und den ehrenwerten Damen lüsterne Blicke zuwirfst und ihnen Zettelchen zusteckst. Ganz zu schweigen davon, wie du auch dem Gesinde immer viel zu lange auf den Hintern schaust! Wie sich dein Blick dann verändert! Widerlich! Aber ich kann ja schweigen, also lass du mir auch meine kleinen Freiheiten. Sonst versalze ich dir doch noch mal die Suppe!“

„Sybille, das wagst du nicht! Dann stelle ich dich vor allen Leuten bloß! Und glaube es mir: MEIN Wort wird schwerer zählen als das einer Frau! Im schlimmsten Falle wirst du es nicht überleben und ich lasse dich mit dem Gesicht voran aus dem Hause tragen, damit du niemals deine Ruhe findest!“

(300 Worte)

 

Bild von juliusz gronkiewicz auf Pixabay

16 Comments

      1. Hier findet sich niemand, niemand, der solche Hausgemeinschaften gut findet, Gerda.
        Wie zu erwarten, nicht?!
        Wenn dem so ist, hätte man auch schweigen können. Das klingt sonst wie ein Echo.
        Meine ich, Gerhard 🙂

    1. Das Thema häusliche Gewalt bzw die häusliche Gewalt selbst blüht und gedeiht und lässt sich auch nicht mit dem allerscheußlichsten Paillettenhütchen rechtfertigen 😉

  1. Das Thema treibt immer wieder neue Blüten und findet in allen Bereichen der Gesellschaft statt, glaubt man den Untersuchungen.
    Wie furchtbar, so leben zu müssen – eigentlich für beide. Wie furchtbar auch für das Kind!
    Danke für die Etüde, lieber Werner, und gute Nacht.
    Nachtgrüße 🥱👍

  2. Ich weiß gar nicht, wen ich zu erst nehmen und schütteln möchte: Ihn oder Sie. Bei ihr wäre ich wahrscheinlich etwas sanfter 🙂

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